Auf welche Gedanken eine Unterhaltung mit meiner Frau mich brachte

Manchmal überkommen die Erinnerungen mich einfach wie eine Welle, die ich dann nicht mehr stoppen kann. Wie neulich, als ich mich mit meiner Frau über unsere ersten Erinnerungen, derer wir uns noch bewusst sind, unterhielt.
Bei uns beiden war das eigentümlicherweise eine Erinnerung, die sich auf eine Krankheit bezog. Das ließ mich natürlich staunen.
Aber dieses Staunen war nicht der Grund für mich, das hier aufzuschreiben. Klar, Krankheiten sind, wenn man es sich näher betrachtet, mitunter prägende Ereignisse, die unsere Erinnerung regelrecht einschalten. Und da wir gerade bei diesem Thema waren, rollte meine interne Erinnerungswelle los. Ich erinnerte mich an viele Bilder, die in meinem Unterbewusstsein abgespeichert sind.

Wir schrieben das Jahr 1967. Ich war damals etwa dreieinhalb Jahre alt. Und ich sah deutlich vor mir, wie meine Mutter mich eines Abends wusch. Dabei entdeckte sie einen Knubbel an meinem Unterbauch, der sich an einem der nächsten Tage beim Kinderarzt tatsächlich als ein Leistenbruch herausstellte, der nur operativ zu beheben war.
Ich bekam also eine Einweisung ins nächstgelegene Krankenhaus. Das lag von unserem Wohnort etwa eine halbe Stunde mit dem Bus entfernt. Meine Mama machte einen Termin zu einer Voruntersuchung in der Chirurgie aus, zu der wir beide mit dem Omnibus fuhren. Das war ein alter Ikarus 55 oder 66 mit seiner Zigarrenform und seinem typischen Geruch, den ich gerade wieder rieche, während ich das hier schreibe. Auf dem Weg von der Bushaltestelle, an der wir ausgestiegen waren, zu dem Bus, der uns zum Krankenhaus bringen sollte, kamen wir an einem Geschäft vorbei, das unter anderem auch Spielwaren im Angebot hatte. Damals hatten meine Mama und ich das stille Übereinkommen, dass wir an jedem Schaufenster eines Spielwarenladens haltmachten, damit ich mir das Angebot ansehen konnte. So also auch diesmal. Doch diesmal geschah etwas Seltsames, etwas Wundersames, etwas Niedagewesenes. Ich bekam meinen Blick nicht mehr von diesem kleinen Spielzeugauto weg, das dort in der Auslage stand. Das wollte, nein, das musste ich haben!

So ähnlich sah das Auto aus, nur dass auf dem Aufbau, der hier fehlt, das Wort SERVICE stand.
Quelle: DDR-Spielzeugmuseum Aschersleben

Auf dem Rückweg von der Untersuchung zurück nach Hause kamen wir wieder an dem Schaufenster vorbei. Und da nun feststand, dass ich operiert werden musste, durfte ich mir ein Spielzeug wünschen.
Na, Du wirst es ahnen, was ich mir aussuchte: Das Auto, auf dem ein Schriftzug stand, den ich damals aber noch nicht lesen konnte. Da half alles Zureden meiner Mama nichts, dass ich doch lieber ein Feuerwehrauto oder ein Polizeiauto aussuchen solle. Nein, ich beharrte auf jenem Spielzeugauto. Vor allem der Schriftzug darauf war es, der mich wie magisch anzog. Ich hatte auch keinerlei Ahnung, wozu dieses Auto gut war und das interessierte mich auch nicht. Freilich sah es etwas komisch aus mit seiner runden Fahrerkabine, aber die war sowieso Nebensache.
Wir vereinbarten also, dass ich nach meinem Krankenhausaufenthalt dieses Auto bekommen sollte.
Eine Woche oder 14 Tage später fuhr meine Mama mit mir wieder zum Krankenhaus. Doch diesmal musste ich dortbleiben. Allein.
Bitte bedenke, wir befinden uns im Jahr 1967. Damals herrschten in Krankenhäusern völlig andere Sitten als heute. Da Erdbeerzeit war, muss es im Juni/Juli gewesen sein.
Ich war also allein im Krankenhaus und ich kann mich sogar noch an den Geruch des Äthers erinnern, mit dem damals meine Narkose eingeleitet wurde …

Und ich kann mich noch ebenso genau an die Schwester erinnern, die an meinem Bett saß, als ich wach wurde. Sie hielt mein Handgelenk und sah dabei auf die Uhr, die sie am Handgelenk trug. Ich wunderte mich sehr, dass sie sich für ihre Uhr mehr zu interessieren schien als für mich. Als Nächstes spürte ich Durst. Brennenden Durst. Es war, als wäre meine Kehle völlig ausgedörrt. Doch meine Bitte nach etwas zu trinken wurde abschlägig beantwortet. Stattdessen kam die Schwester mit einem Becher wieder, in dem mehrere Stäbchen in einer Flüssigkeit steckten. Die Stäbchen waren mit einer Art Watte umwickelt, die mir die Schwester nun an den Mund hielt. Natürlich saugte ich daran, um die Trockenheit aus dem Mund zu vertreiben, doch als die Schwester das mitbekam, zog sie es mir aus dem Mund und wandte sich dem nächsten Patienten zu, dessen Lippen sie ebenfalls anfeuchtete. Doch bevor sie das Zimmer verließ, in dem übrigens drei »große« Betten und zwei Gitterbetten für Kinder standen, kam sie noch einmal zu mir zurück und hielt mir ein weiteres Stäbchen an die Lippen, das ich ebenso gierig aussagte wie schon das erste. Sie sagte nichts dazu und verließ den Raum. Zur Erläuterung möchte ich hier noch einflechten, dass die »großen« Betten mit Halbwüchsigen belegt waren.
Am nächsten Tag kam ein Neuzugang ins Zimmer, ein Mädchen, das etwa fünf Jahre alt war. Sie bekam das Bett, das mit seinem Kopfteil gegen das Fußteil meines Bettes stieß. Das Mädchen war sehr nett und teilte als Erstes ihre Schokoladenplätzchen, die mit Liebesperlen bestreut waren, mit mir.
Ich brachte etwa 14 Tage im Krankenhaus zu, ohne dass ich auch nur einmal Besuch bekam. Doch jeden Nachmittag bekam ich eine meiner Lieblingsspeisen zu jener Zeit: Erdbeeren mit Kondensmilch! Kurios fand ich nur, dass die Schüsseln, in denen ich die Erdbeeren bekam, nicht nur dieselbe Farbe, sondern auch genau dieselben Risse hatten, wie jene, die wir zu Hause hatten.
Im Laufe der Zeit wurde ich natürlich immer mobiler, wir machten kleine Spaziergänge und spielten später, nach dem Fädenziehen, sogar Fußball gegeneinander.

Weil ich vor grüner Langeweile bald nicht mehr wusste, was ich noch anstellen sollte, durfte ich den Schwestern eines Tages sogar beim Bindenwickeln helfen. Die Stoffbinden wurden gewaschen und mussten nach dem Trocknen wieder aufgewickelt werden. Dazu gab es eine kleine Kurbelmaschine, die ich eifrig bedienen durfte.
Ich hörte es zuerst gar nicht, wie mein Name gerufen wurde. Erst beim dritten Mal hörte ich hin und jetzt hörte ich nicht nur meinen Namen, sondern auch, dass meine Mama ihn gerufen hatte. Ich sprang also von dem Stuhl, auf dem ich kniete und rannte voller Freude zu meiner Mama, die mich sofort in ihre Arme schloss. Endlich! Endlich wurde ich abgeholt! Ja, es war wirklich soweit, ich durfte das Krankenhaus verlassen! Und auf dem Weg nach Hause dachte ich zum ersten Mal wieder an das Spielzeugauto mit der Schrift, die ich nicht lesen konnte.
Und tatsächlich! Zu Hause stand es – mein Traumauto! Und nun interessierte mich vor allem, was dort geschrieben stand.
Das Wort hieß »SERVICE«, meine Mama las es mir vor, als ich sie darum bat. Doch als ich nach seiner Bedeutung fragte, konnte mir weder sie noch jemand anders eine Antwort darauf geben, die mich zufriedenstellte. Meine Mama verstand unter Service ein ›in Form, Farbe, Musterung übereinstimmendes und aufeinander abgestimmtes mehrteiliges Ess- oder Kaffeegeschirr‹. Aber das stand ja wohl nicht auf einem Auto.

All das ging mir neulich durch den Kopf, als ich mich mit meiner Frau unterhielt.
Und ganz plötzlich wusste ich, weshalb ich so versessen auf dieses Auto mit dem seltsamen Begriff gewesen war.
Service bedeutet auf gut Deutsch ja Dienstleistung.
Genau das ist es, was ich seit Jahren tue: Ich biete meinen Kunden oder Klienten eine Dienstleistung.
Mit anderen Worten: Ich diene.
Und in dem Moment ging mir nochmal ein Licht auf.
Genau das war es, was mein Unterbewusstsein mir schon im Alter von etwa dreieinhalb Jahren sagen wollte: Ich lebe, um zu dienen.